Veranstaltung

Wer darf was auf der Bühne? // Who can to do what on stage?Repräsentationskritik im zeitgenössischen Theater // Criticism of Representation in Contemporary Theatre

Der Workshop findet im Rahmen des internationalen Festivals »Theaterformen« in Braunschweig statt. Ein Besuch der Vorstellung »Mitleid« von Milo Rau im Festivalprogramm gehört dazu. Unterrichtssprache: Deutsch oder Englisch, wenn sich auch internationale Teilnehmende anmelden.

The Workshop will take place in Braunschweig within the framework of the international festival »Theaterformen«. A performance of »Compassion« by Milo Rau is included. Tuition language: German or English, if international participants apply.

Die Theaterstücke, Filme und aktivistischen Projekte von Milo Rau und dem IIPM (International Institute of Political Murder) verhandeln heikle Themen und Traumata einer Gesellschaft. Milo Rau brachte mit »Hate Radio« den Genozid in Ruanda auf die Bühne, rollte mit »Die Moskauer Prozesse« u.a. den Schauprozess gegen Pussy Riot neu auf, inszenierte mit belgischen Kindern ein Stück über den Kinderschänder Marc Dutroux und klagte in »Das Kongo Tribunal« in Bukavu lokale Machthaber ebenso wie internationale Firmen und die Weltgemeinschaft an. 

Stefan Bläske arbeitet seit drei Jahren als Dramaturg für Milo Rau, auch als Dramaturg von »Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs«. Im Workshop wird er Einblicke in die Arbeit mit Milo Rau geben und eine Einführung in das unten skizzierte Themenfeld, das dann gemeinsam diskutiert wird.

Mit der Vorstellung von »Mitleid von 17.00 bis 19.00 Uhr endet der Workshop offiziell.
Es besteht die Möglichkeit, sich im Anschluss im informellen Rahmen über das Gesehene auszutauschen.

Themenfeld zur Diskussion

Die Diskussionen um das, was (politisches) Theater darf, soll und kann, sind so alt wie das Theater selbst. Seit jeher wird auf der Bühne von der Grausamkeit der Welt und des Menschen erzählt, mit je nach Epoche verschiedenen Darstellungskonventionen und Tabus: inhaltlich wie formal. Die antiken Tragödien etwa sind voller Brutalität und Grausamkeit – die Taten aber wurden nicht zur ›Darstellung‹ gebracht, sondern mit Botenberichten und Mauerschau in der ›Vorstellung‹ des Publikums erzeugt. Brecht forderte das distanzierte Spiel, als würde man den Vorgang eines Autounfalls nachspielen – immer ausweisend, dass man selbst nur ›bezeugt‹. Heute ist das sogenannte Reenactment in Mode, also das detailgenauer Nachstellen und Eintauchen in historische Ereignisse. Es steht aber im Spannungsverhältnis zu der Ideologie, dass man die großen Verbrechen – etwa die »Shoa« (vgl. Claude Lanzmann, 1985) unmöglich re-präsentieren dürfe und könne, der Zeugenbericht sei angemessener als das dokumentarische Originalbild oder gar die Nachinszenierung. Aber auch das Konzept des ›Zeugen‹ auf der Theaterbühne wird angegriffen, insbesondere von jenen, die Theater (nur) als Schauspiel begreifen wollen. Aufgabe des Theaters sei demnach das lustvolle Spiel statt der scheinbaren Authentizität, des angeblich ungeschützten Ausstellens der sogenannten ›Experten des Alltags‹ in eine Art ›Menschenzoo‹.

Der Diskurs ist vermint und weitet sich, ausgehend von der Unterscheidung zwischen Schauspieler*innen, Performer*innen und Zeug*innen, auf die Frage nach der jeweiligen Identität aus. Wer ist repräsentiert im Theater, wer wird präsentiert, und wer weder noch? Wer darf welche Rollen spielen – und welche nicht, jedenfalls nicht mit bestimmten Mitteln. Warum beschäftigt sich die halbe Theaterwelt mit Blackfacing, aber kaum jemand mit der realen Ausbeutung Afrikas? Gibt es Haupt- und Nebenschauplätze? Ist das, was in Westeuropa über Jahrhunderte als Handwerk der klassischen Schauspielkunst galt, nämlich die lokale Sprache ›schön‹ zu sprechen, eine Diskriminierung, sofern es zentrales Kriterium der Selektion ist? Wie kann Theater inklusiver werden, und warum überhaupt ist das wichtig? Beißt sich das bisherige Stadttheater- und Ensemblesystem mit einem wahrhaft politischen und gesellschaftlich relevanten Theater in einer globalisierten Welt? Welche Strategien wenden Künstler*innen an, um mit den skizzierten Fragen umzugehen – vorsichtig die Minen vermeidend oder lustvoll den Skandal suchend?

Mehr zu Stefan Bläske

In Kooperation mit dem internationalen Festival Theaterformen.
 

Festival Theaterformen Bundesakademie

Leitung: Stefan Bläske, Dr. Birte Werner | Datum: 10. Jun 2018 (10:00 Uhr) | Kosten: 66,- € (ohne Ü/VP) |