NL1/25: Im Gespräch mit Coachin Franziska Schönfeld
Zukünfte bewusst und spielerisch erkunden
ba: Kriege, Klimawandel, das Erstarken radikaler politischer Positionen, aber auch sinkende Budgets überall. Kannst du verstehen, dass manchen Menschen alles zu viel wird?
Franziska Schönfeld: Das kann ich total verstehen. Gefühlt reiht sich derzeit eine Krise an die andere, ohne dass ein Ende in Sicht wäre. Die erschöpfte Post-Corona-Gesellschaft wird auch schon seit Längerem von Soziolog:innen wie Hartmut Rosa beschrieben und zeigt sich auch statistisch: Jede zweite Krankschreibung in Deutschland erfolgt aufgrund einer psychischen Belastung. Damit betrifft das Thema Resilienz uns alle als Gesellschaft.
Wir leben in einem Zeitalter multipler Krisen. Viele Menschen erleben auch deshalb ihr Privat- und Berufsleben als beschleunigt und unsicher – ein Alltag, der ihnen eher passiert, als dass sie diesen für sich oder mit anderen nach ihren Wünschen gestalten könnten. Bei manchen schleicht sich dann das leise Gefühl ein, irgendwie festzustecken, für andere wiederum ist »Zukunft« ein total angstbesetztes Thema. In meinen Coachings geht es derzeit viel um diese Themen: Menschen fühlen sich angesichts der ganzen Krisen dauergestresst und versinken in ungesunden Verhaltensmustern oder Grübelschleifen.
ba: Wie arbeitest du mit Coachees, die mit Sorgen in die Zukunft schauen?
Franziska Schönfeld: Menschen mit regelmäßigen Zukunftssorgen leiden oft unter körperlichem und seelischem Stress. Häufig fallen sie in den sogenannten »Fight or Flight«-Modus, sind z.B. manchmal wie erstarrt und werden von selbstkritischen Stimmen geplagt. In solchen Momenten hilft es überhaupt nicht, die Zukunftssorgen wegzudiskutieren bzw. diesen rein kognitiv zu begegnen. Sie sind in diesem Zustand schlicht nicht in der Lage, an mögliche Ressourcen oder Lösungen heran zu kommen. Der Weg geht also über den Körper. Im Coaching erkunde ich mit ihnen das eigene Stresserleben: Was versetzt mich von außen in Stress? Inwiefern verstärke ich das durch selbstkritische Kommentare? Wo in meinem Körper spüre ich den Stress überhaupt? Und dann geht es in einem zweiten Schritt darum, Bewältigungsstrategien zu finden, um den eigenen Stress zu reduzieren. Und wir erarbeiten individuelle Ansätze, wie der Mensch sich selbst wieder regulieren kann und das Fürsorgesystem aktiviert. Ich nutze hierbei beispielsweise Elemente aus der Praxis des Selbstmitgefühls (z.B. die Selbstmitgefühlspause), dem emotionsfokussierten Coaching (z.B. den Self-Touch) sowie kreative Methoden. Bei all diesen Ansätzen geht es darum, einzuüben die eigenen Gefühle wertschätzend anzunehmen und nicht wegzudrücken.
Wir neigen gesellschaftlich dazu, Gefühle in gut oder schlecht einzuteilen. Aber alle Gefühle haben ihre Berechtigung, denn sie signalisieren, wie es derzeit um das eigene Wohlbefinden steht, wie eine Art Kompass. Im Coaching erkunden wir also Stück für Stück gemeinsam die Gefühle und Bilder, die in den eigenen Zukunftssorgen und -ängsten stecken.

ba: Was hältst du in diesem Zusammenhang von dem Begriff Resilienz?
Franziska Schönfeld: Der Begriff wird zwar derzeit inflationär benutzt, hinter ihm steht aber ein wichtiges Konzept: Nämlich, dass Menschen es lernen können, psychisch widerstandsfähiger oder flexibler zu werden. Die Resilienzexpertin Jutta Heller spricht in diesem Zusammenhang von den sogenannten sieben Resilienz-Faktoren: Akzeptanz, Optimismus, Selbstwirksamkeit, Verantwortung, Netzwerkorientierung, Lösungsorientierung und Zukunftsorientierung.
Akzeptanz bedeutet: ich bin in der Lage anzunehmen, was ist, und mich nicht in »was wäre gewesen, wenn«-Spiralen zu verlieren. Optimismus heißt, ich vertraue grundsätzlich darauf, dass etwas besser werden kann. Ich erlebe Selbstwirksamkeit, wenn ich fähig bin, Entscheidungen für mich zu treffen und meine Bedürfnisse benennen und wertschätzen kann. Netzwerkorientierung beinhaltet, dass ich andere um Unterstützung bitten und diese auch annehmen kann. Lösungsorientierung: ich kann auch in herausfordernden Situationen erkennen, was funktionieren könnte und verharre nicht in der Problematisierung. Und schließlich Zukunftsorientierung: ich schmiede Pläne und Ziele und kann diese auch umsetzen.
In meinen Coachings und Workshops arbeite ich mit meinen Klient:innen an einzelnen oder mehreren der genannten Faktoren. Hierzu gehört auch, dass wir innere und äußere Ressourcen identifizieren und sichtbar machen. Dies passiert bspw. in der biografischen Arbeit, in der individuelle Stärken und Fähigkeiten, frühere Lösungsstrategien oder auch stärkende Beziehungen der Klient:innen sichtbar gemacht werden. Diese Bewusstmachung dessen, was an Ressourcen bereits da ist, was vielleicht schon im Kleinen funktioniert, finde ich als Haltung im Coaching besonders wichtig. Denn es ist ja nicht so, dass nur in den Nachrichten hauptsächlich negative Schlagzeilen vorherrschen. Sondern auch unser Gehirn ist rein evolutionär auf Negatives programmiert, da ist es wichtig bewusst gegenzusteuern.
ba: Wie schafft man es, neue/alternative Zukunftsbilder zu entwerfen?
Franziska Schönfeld: Menschen beschäftigen sich im Alltag immer schon viel mit »der« Zukunft. Häufig sprechen sie über ihre Zukunft, als gebe es eine einzige, vorherbestimmte Zukunft. Doch »Zukunft« existiert nur in unserer Vorstellung, d.h. niemand kann die Zukunft exakt vorhersagen, ich kann mir aber bewusst machen, welche gegenwärtigen Bilder von Zukünften ich habe.
Futures Literacy ist eine relativ neue Disziplin. Dahinter steht die erlernbare Fähigkeit, systematisch bewusst und spielerisch mehrere Zukünfte zu erkunden und Ungewissheit als Möglichkeitsraum zu erleben. Eigene Zukunftsbilder sagen viel darüber aus, was mir wichtig ist, wie ich mich selbst erzähle, wie ich Fortschritt definiere, wovon ich träume, was ich für wahrscheinlich, was für unwahrscheinlich halte. Jede:r von uns ist gewohnt, in gewissen Denkroutinen zu verharren, z.B. denken viele häufig in einer »entweder-oder«-Logik. Diese Routinen herauszufordern, z.B. durch ein verändertes Narrativ, ein »und auch« oder durch die Erkundung vermeintlich unwahrscheinlicher Zukunftsbilder können dazu führen, neue Impulse für die eigene Gegenwart zu finden. Wichtig ist also: Wie ich auf Zukünfte schaue, beeinflusst mein gegenwärtiges Handeln, meine Zukunftsbilder können meinen Möglichkeitsraum also begrenzen oder erweitern.
ba: Was können Arbeitgeber tun, um ihre Mitarbeitenden in schwierigen Zeiten zu unterstützen?
Franziska Schönfeld: Wünschenswert wäre es aus meiner Perspektive ein Arbeitsklima zu schaffen, in dem nicht tagtäglich ein konstant hoher Performancedruck herrscht, Mitarbeitende sich also beispielsweise trauen bei Krankheitssymptomen einfach zuhause zu bleiben. Ein Klima, in dem Menschen auch mal nicht funktionieren dürfen. Der Vorbildcharakter und die Sensibilisierung von Führungskräften sind hierbei nicht zu unterschätzen.
Empfehlenswert ist es, als Arbeitgeber »Resilienz« und »Stressmanagement« regelmäßig zum Thema von gesundheitspräventiven Angeboten zu machen: z.B. in Form wöchentlicher Bewegungseinheiten, das beginnt auch schon beim gemeinsamen Spaziergang in der Mittagspause. Hilfreich sind natürlich Workshops oder Coachings, in denen Mitarbeitende für ihr eigenes Stresserleben sensibilisiert werden und geeignete Tools für sich und im Team identifizieren. In kollektiv herausfordernden Zeiten kann Supervision Teams dabei unterstützen, über gemeinsame Erfahrungen und Gefühle zu sprechen. Die Erfahrung zu machen, dass ich nicht alleine bin in einer herausfordernden Situation, sondern es eventuell anderen auch ähnlich gehen könnte, hilft enorm. Auch deshalb biete ich gerne Gruppencoachings und Workshops an, weil das Moment der Verbundenheit mit anderen eine nachhaltige Ressource darstellt.