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Zum Tod von Paul Raabe

15.07.2013

Professor Dr. Dr. h.c. mult. Paul Raabe, geboren 1927 in Oldenburg, starb am 05. Juli 2013 in Wolfenbüttel.

Paul Raabe war von 1958 bis 1968 Leiter der Bibliothek des Deutschen Literaturarchivs Marbach, von 1968 bis 1992 Leiter der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel, nach seiner Pensionierung von 1992 bis 2000 Direktor der Franckeschen Stiftungen in Halle (Saale). Unzählig sind seine Veröffentlichungen, zahlreich seine Ehrendoktorwürden in- und ausländischer Universitäten, kaum überschaubar seine sonstigen Ehrungen.

In Wolfenbüttel baute er die Herzog-August-Bibliothek, die im 17. Jahrhundert als die größte der Welt galt, zu einem bis heute renommierten internationalen Forschungszentrum zur Kulturgeschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit aus und um. Damit dürfte in seiner Bedeutung für die Bibliothek in einem Atemzug mit seinen berühmtesten Vorgängern, G. W. Leibniz und G. E. Lessing genannt werden.

Neben vielem anderen mischte er sich auch in die Entwicklung der Stadt ein: Die Stilistik der Baupläne des Karstadt-Konzerns für ein Kaufhaus gegenüber dem Schloss Anfang der 1970er Jahre empörten viele Bürger. Paul Raabe schloss sich mit seiner Autorität dieser „außerparlamentarischen Opposition“ an, die zu entscheidenden Verbesserungen der Baugestaltung im Sinne des Respekts vor der historischen Umgebung beitrug. Am Ende stand die Gründung der Aktionsgemeinschaft Altstadt, die die folgende (damals deutschlandweit größte) Flächensanierung der Wolfenbütteler Altstadt begleitete und bis heute aktiv ist.

In Halle rettete er die dem Verfall preisgegebenen Franckeschen Stiftungen, die sich heute nicht nur äußerlich, sondern auch inhaltlich im blühenden Leben zeigen. Gerade die zahlreichen ostdeutschen Kulturdenkmäler und -einrichtungen lagen ihm am Herzen. Schon lange vor 1989/90 hatte er vielfältige Kontakte in die damalige DDR. 1991 erschien ein sog. Blaubuch, in dem Raabe die Kultureinrichtungen nationaler Bedeutung in Ostdeutschland erfasste und bewertete. Auf dieser Basis wurden unzählige Einrichtungen gerettet und neuem Leben zugeführt.

„Im Gefüge der abendländischen Wissenschaft kommt dem Buch die entscheidende Funktion einer ordnenden, vermittelnden und bewahrenden Macht zu.“ Mit diesem Satz trat Paul Raabe in mein Leben. Das war 1968, in meinem ersten Studiensemester. Es war der erste Satz in seiner „Einführung in die Bücherkunde zur deutschen Literaturwissenschaft“, die damals zur Standardausrüstung jedes Germanistik-Studenten gehörte. Mein Exemplar stammt aus der schon 5. Auflage des 1961 erschienenen Klassikers, und ich scheine es, wie die Anstreichungen nahe legen, wenigstens bis zur Hälfte durchgearbeitet zu haben.

Erst Jahrzehnte später lernte ich ihn auch persönlich kennen – in Wolfenbüttel, wo ich seit 1999 Leiter der Bundesakademie für Kulturelle Bildung und wohin Raabe nach seiner Zeit in Halle zurückgekehrt war. Obwohl er inzwischen schon auf die Mitte 70 zuging, war er aktiv und ideenreich wie immer und engagierte sich erneut für die Entwicklung der Stadt Wolfenbüttel als Kulturstadt, diesmal durch die Gründung des Kulturstadtvereins Wolfenbüttel e. V. Wie er es überall vorher getan hatte, handhabte er es auch diesmal: Er sprach alle an, die ihm von Funktion und/oder Person für das Vorhaben potentiell wichtig oder nützlich erschienen, überzeugte und motivierte sie für seine Ziele, auch dadurch, dass er – tatsächlich oder scheinbar – ihre Gedanken und Ideen aufgriff, und holte sie zusammen an einen Tisch. Ich gehörte auch dazu und arbeitete später auch im Vorstand des Kulturstadtvereins mit.

Es war schwer, Paul Raabe zu widerstehen in seiner Mischung von visionärer Kraft und raffiniertem Pragmatismus. Er wusste immer sehr genau, was er wem wie sagen musste, damit er überzeugt wurde; er wusste auch, wie die Dinge praktisch zu realisieren waren, und er vermochte auch, kultureller und kulturpolitischer Mythos, der er inzwischen war, vor Ort, aber auch etwa in Berlin, immer wieder die nötigen Mittel zu den verschiedenen Projekten zu beschaffen. Kaum muss man erwähnen, dass auch die Ideen zu den allermeisten Projekten des Kulturstadtvereins in den folgenden Jahren von ihm stammten, bis die körperlichen Einschränkungen ihn dazu zwangen, den Vorsitz abzugeben.

Es wird niemanden wundern, dass Paul Raabe auch etliche Male als Referent oder Gesprächsteilnehmer an Tagungen der Bundesakademie Wolfenbüttel beteiligt war, z. B. zu Fragen des literarischen Kanons und zum Thema Kulturpolitik in Europa, wo er beispielhaft sein Projekt „WWW 2006“ vorstellte, mit dem er bundesweit am Beispiel von Wolfenbüttel, Wittenberg und Weimar auf die –finanziell oft schwer zu bewältigende – Verantwortung kleinerer und mittlerer Städte aufmerksam machte, die ein besonderes kulturhistorisches Erbe zu bewahren und weiterzugeben haben.

Eine Ehre war es mir, die Bundesakademie am 25. Januar 2012, in den letzten Tagen meiner Amtszeit, als Ort für den Festakt zur Verfügung zu stellen, in dem die Kulturpolitische Gesellschaft Paul Raabe zu ihrem Ehrenmitglied machte. Ich kenne keinen späteren öffentlichen Auftritt Raabes.

Paul Raabe war ein sehr besonderer Mensch. Die Unermüdlichkeit und der Erfolg seines Engagements, als Bibliothekar, als Literatur- und Kulturwissenschaftler ebenso wie als kulturpolitischer Zeitgenosse, nötigen zu höchstem Respekt. Wolfenbüttel hat seinen berühmtesten zeitgenössischen Bürger verloren – und die Bundesakademie für Kulturelle Bildung Wolfenbüttel einen Freund.

Karl Ermert

Direktor der Bundesakademie für Kulturelle Bildung Wolfenbüttel a. D.

 

Paul Raabe

V. l. n. r. kann man sehen: Christoph Helm (als Vorsitzender des Kulturstadtvereins Nachfolger von Paul Raabe), Paul Raabe und Axel Gummert (ehemaliger Bürgermeister von Wolfenbüttel).

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