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Unbedingt ein Phrasenschwein aufstellen

19.06.2017

Diversität ist ein Thema, dass die Bundesakademie schon vor langer Zeit aufgegriffen hat und in ihren Veranstaltungen sowie in der internen Struktur versucht, mit Leben zu füllen. Andrea Ehlert, Programmleiterin des Bereiches Kulturmanagement, -politik und –wissenschaft führte u. a. Ende 2015 die Tagung »Kultureinrichtungen und Diversität – das Erfolgsmodell?« durch, zu der es hier eine umfangreiche Dokumentation gibt. Diversität ist aber auch ein buzzword, das zwar überall herumgeistert, aber viel zu wenig in der Praxis umgesetzt wird.

Ein positives Beispiel für Diversität und diverse Kulturvermittlung ist das interkulturelle Projekt »Selam Opera!«, das Mustafa Akça seit 2011 an der Komischen Oper in Berlin leitet. Am Rande einer Tagung, auf der Mustafa Akça zum ersten Mal als Referent bei der Bundesakademie tätig war, sprach Andrea Ehlert mit ihm über Diversität und deutsche Hochkultur.

Mustafa, Du bist ein Star. »Selam Opera« ist für den BKM-Preis nominiert. Gehörst Du jetzt zum Establishment? Reden die Leute aus dem Kiez überhaupt noch mit dir?
Ja, mein Leben hat sich mit dieser Nominierung schlagartig verändert!  Ich muss z. B. bei meinem Obst- und Gemüsehändler nichts mehr bezahlen. Auch bin ich in eine größere Wohnung gezogen, um mich weit weg vom Großstadtlärm besser auf meine Tätigkeiten der aufsuchenden Kulturvermittlung konzentrieren zu können.

Nein, Scherz beiseite, ich bin ja in dem Kiez geboren und groß geworden, und alles, was ich an Ideen habe, kreiere ich quasi aus meinem Leben in meinem Stadtteil heraus und dem Zusammensein mit den Leuten dort um mich herum. Meinungen der Menschen aller Schichten und Milieus sind mir sehr wichtig, und ich hoffe, dass sich das für mich nie ändert, egal was passiert. Und an »Selam Opera« arbeiten ja viele mit. Ich bin nur das Aushängeschild des Projekts, ich gebe dem Ganzen ein Gesicht, im wahrsten Sinne des Wortes.

Warum sollte deutsche Hochkulturoper erstrebenswert sein für Migrant_innen?
Egal ob Migrant oder Ursprungsbewohner, alle sollten in dieser Gesellschaft gleichermaßen die Möglichkeit haben, an den Früchten der Hochkultur teilzuhaben. Sie selbst sollten entscheiden können und nicht ihre Herkunft.
Im Grunde sollte man das Ganze  jedoch eher andersherum betrachten, dass nämlich die Hochkultur sich für die Migranten und deren Geschichten und Lebenswelten interessiert und öffnet. So bekommt die Gesellschaft nicht immer wieder das Gleiche vorgesetzt, sondern es entsteht eine gewisse Dynamik.
Ein Koch kann ja aus all dem, was in seinen Vorratskammern ist, etwas zaubern. Mehr Vielfalt bereichert auf jeden Fall die Küche. Die Entwicklung der Esskultur in Deutschland ist das beste Beispiel dafür.

Mustafa Akca
Mustafa Akça und Andrea Ehlert sprechen nicht nur über Diversität, sondern auch über künftige gemeinsame Workshops an der Bundesakademie.  

Wie schaffst Du es an, ein diverses Publikum zu erreichen?
Ich musste mir diese Kanäle auch erstmal aufbauen. Das ist ein langer Weg. Wenn Du als Einrichtung im Prinzip seit 100 Jahren diese Menschen nicht eingeladen hast, dann muss man sie vielleicht auch erstmal 100 Jahre einladen bis sie kommen. Das geht nicht von heute auf morgen. Bei uns hat es am besten über die Kinder funktioniert. Die Eltern haben uns zum Beispiel gefragt, was tut ihr denn für unsere Kinder? Mit der bewussten Förderung einer größeren Diversität im Kinderchor der Komischen Oper  haben wir auch die Mütter erreicht und im besten Fall auch die Väter.
Manchmal gehen wir aber auch ungewöhnliche Wege, wie z. B. als Trikotsponsor bei einer türkischstämmigen Herren-Fußballmannschaft oder beim Schalten von Anzeigen in der Berliner Taxifunkzentrale. Da muss man viel ausprobieren.

Du generierst ja wirklich Ideen am Fließband, hab ich manchmal das Gefühl.
Na ja, Andrea. Man ist ja unter Menschen. Die Ideen kommen da von selbst. Es kommt wirklich aus den Gesprächen mit den Leuten.

Weil Du ganz viel unterwegs bist. Das ist, glaube ich, der Trick. Du redest ganz viel mit den Menschen, guckst, beobachtest …
Ja, und ich habe auch nicht so viele Pseudo-Begegnungen. Ich will das nicht so pauschal sagen, aber viele Menschen möchten gerne ein Projekt für Türken machen. Dann lernen sie einen halben Türken kennen, z.B. den Mustafa. Der Mustafa spielt gerne Fußball. Und den nehmen sie dann für ihr Projekt und am Ende kommt dabei raus: Alle Türken spielen Fußball!  Ich finde das gefährlich. Da wird zu schnell verallgemeinert,  aber jeder Mensch ist einzigartig. Du solltest nicht nur einen Mustafa kennenlernen. Du musst auch die Punk-Rockerin Ayşe kennenlernen oder den schwulen Ali … Du musst viele Menschen kennenlernen, um daraus eine Geschichte, also die passenden Projekte machen zu können. Dafür fehlt aber oft die Zeit. Alle sind unter Druck, was leisten zu müssen. Aber bloß niemandem sagen, dass man sich nicht auskennt.

Diversity-Tagungen habe ich nun genug gehabt, zu Diversity-Managementkursen kommen keine Entscheider ... Was muss der nächste Schritt sein?
Auch ich habe Veranstaltungen zu diesem Thema erleben dürfen, bei denen der Vortragende vorne steht und erzählt, dass man Menschen, die man erreichen möchte, auf »Augenhöhe begegnen solle« oder dass die »Schwellen zu hoch seien« oder dass man »die Migranten dort abholen soll, wo sie sind«. Also aneinandergereihte Phrasen, mit denen die Teilnehmer eingedeckt werden.
Am bemerkenswertesten ist für mich jedoch, dass die Zuhörer solcher Veranstaltungen nach jedem dieser Schlagwörter und Phrasen ein Raunen von sich geben, Heft und Stift zücken und alles aufschreiben,  als ob Jesus oder  der Prophet persönlich zu ihnen gesprochen hätte. Wie bei der Fußballsendung »Doppelpass« sollte immer bei derartigen Veranstaltungen ein Phrasenschwein aufgestellt werden, das bei jeder Phrase mit einem Geldstück gefüttert wird. Das Schwein wird dann am Ende geschlachtet und die Summe für einen guten Zweck gespendet.
Letztendlich will ich damit sagen, dass wirkliche Entscheidungsträger bei solchen Veranstaltungen auch nicht unbedingt am richtigen Platz sind, weil das nicht auf ihrer Arbeitsebene liegt. Das war jetzt ein kleiner Seitenhieb diesen Veranstaltungen gegenüber, zu dem man zur Sensibilisierung jedoch durchaus einmal den Personalrat schicken könnte.
Was jedoch den nächsten Schritt in Bezug auf die Entscheidungsträger angeht, scheint es mir wichtig, das Thema auch weiterhin im Bewusstsein von Direktoren und Intendanten zu halten. Viele Entscheidungsträger sind da durchaus schon sensibilisiert. Aber eben noch nicht genug.

Ist es nicht so, dass die Kids heute schon divers unterwegs sind und längst dort angekommen sind, wo wir alten Säcke erst noch hin müssen?
Natürlich sind viele der Kids diverser und vor allem unvoreingenommener unterwegs als wir alten Hasen mit unseren vielfältigen und nicht immer schönen Erfahrungen. Wir sind es oft, die ihnen diese leicht-lockere Unvoreingenommenheit und Probierlust nehmen, die sie noch im Kindergartenalter haben. Indem wir sie schon im Vorfeld in ihrer Wohlfühlsprache einschränken, so dass sie sich nicht mehr trauen, ick sach mal, »frei Schnauze« und manchmal unkorrekt zu sprechen.
Ja, wohin müssen wir? Vielleicht nicht dorthin, wo die Kids sind. Der Zug ist für uns abgefahren, denn wir haben ja als Ältere unsere Erfahrungen auf dem Buckel. Ein Arbeitsfeld in der Hochkultur macht in dieser Hinsicht den Rucksack auch nicht leichter. Mein Traum wäre etwas von der Leichtigkeit und Unbefangenheit zurückzugewinnen, die ich früher durchaus schon erlebt habe.

Was hältst du von Quotierung bei Leitungsfunktionen in Kulturbetrieben? Hat bei den Frauen auch geholfen.
Da es anscheinend nicht aus freien Stücken geht, bin ich stark dafür. Natürlich gibt es auch dann Schlupflöcher, d. h. diejenigen wissen sich zu helfen, die partout nicht wollen, dass Leitungsfunktionen diverser und vielfältiger besetzt werden. Sehr oft wird dann argumentiert, dass sich keine Leute mit den entsprechenden Qualifikationen finden lassen. Wenn das tatsächlich so sein sollte, muss man halt flexibel sein und neue Wege gehen. Man könnte doch »Hybridtypen« anheuern, z. B. für den Fall, dass ein Dramaturg gesucht wird, der am Theater mehr interkulturelle Inhalte einbringen soll. Wenn das dann jemand wäre, der vielleicht nicht das Komma an der richtigen Stelle setzt, kann man ihm jemanden zur Seite stellen, der das für ihn macht. Oder man arbeitet mit Tandems, die sich ergänzen.

Wie werden wir die verkrampfte political correctness wieder los?
Jeder muss selber wissen, ob das überhaupt ein Ziel ist. Gewisse Unkorrektheiten gehen natürlich nicht, und das sollten wir auch nicht tolerieren. Es gibt aber auf diesem Gebiet in manchen Bereichen eine mehr als verkrampfte Haltung. Da stirbt vor lauter Anstrengung, die richtige Begrifflichkeit zu finden, die Spontaneität und Unbefangenheit völlig ab. Das sind aber Eigenschaften, die mit meiner Kreativität und mit neuen Ideen zusammenhängen. Und die muss ich mir unbedingt erhalten, das ist sozusagen mein Kapital. Aus diesem Grund komme ich auch manchmal etwas ungehobelt rüber und trete in das eine oder andere Fettnäpfchen. Das ist nicht immer angenehm. Aber eine gewisse Respektlosigkeit ist unausweichlich, wenn man einen großen Tanker, wie es unsere Institutionen der Hochkultur sind, bewegen will. Und als Berliner mit Migrationshintergrund – und als Star! – habe ich natürlich einen gewissen Bonus! 

Mein Angebot steht: Du kannst hier einen Workshop machen zu einem Thema Deiner Wahl und zwar genau so, wie Du das schon immer mal ausprobieren wolltest!
Genau das finde ich echt toll! Dass Ihr Euch das traut. Das ist wirklich das, was die ba●, glaube ich, auch ausmacht. Da hab ich was im Kopf … also ich kann mir da was mit Superhelden vorstellen oder Fußball.

Was gefällt Dir an der Bundesakademie?
Mir imponiert, dass die Mitarbeiter offensichtlich keine Angst haben, Neues auszuprobieren! Sie sind auf der Suche nach neuen Konzepten für eine sich verändernde Gesellschaft, sind offen und experimentierfreudig. Jedoch kein Lob ohne eine leise Kritik: Es fehlt die Diversität im Personal der Einrichtung, die sie sich bei anderen so wünscht. Daran kann ja aber in Zukunft noch gearbeitet werden …. Letztendlich habt Ihr ein gutes Gespür für Innovationen, denn Ihr habt uns ja für diesen BKM-Preis vorgeschlagen.

Mustafa Akça ist gelernter Handwerker, Klempner. Er hörte von seinen Eltern den Satz »Junge, mach was Anständiges, falls wir wieder nach Hause gehen!« Nach »Hause«, in die Türkei, ging es aber nicht. Beim Handwerker blieb es auch nicht. Mustafa Akça hat einen sehr bunten Lebenslauf. Er machte u. a. eine Ausbildung zum Schauspieler, hat als Entertainer auf Kreuzfahrtschiffen und als Anheizer für Shows im Fernsehen gearbeitet. Irgendwann hatte es sich immer »ausgemustafat«, wie er sagt. Zwischen 2004 und 2011 war er dann Quartiersmanager in Berlin und heute leitet er das interkulturelle Projekt »Selam Opera!« an der Komischen Oper Berlin. Als »der Mann für besondere Aufgaben« in der Abteilung Dramaturgie spricht er verstärkt Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen an, um sie für das zeitgemäße Musiktheater zu begeistern und die Komische Oper Berlin interkulturell zu öffnen und zu sensibilisieren.

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